TV

Wie geht’s weiter mit der „Ahnenstätte Seelenfeld“?

Aktualisiert am 25.04.2021 Veröffentlicht

Treffpunkt für Rechtsextremisten

Im Sommer 2017 berichteten mein Kollege Oliver Jürgens und ich das erste Mal für den WDR über die „Ahnenstätte Seelenfeld“ ganz im Norden von Nordrhein-Westfalen. Ein heidnischer Begräbnisplatz mitten im Nirgendwo, idyllisch gelegen in einer kleinen Heidelandschaft bei Petershagen. Eigentlich ein schönes touristisches Ausflugsziel – allerdings hatten auch rechtsextreme Kreise den Ort für sich entdeckt und zur Wallfahrtsstätte gemacht.

Nach ersten Recherchen des szenekundigen Journalisten Julian Feldmann ließ sich belegen, dass es Bezüge zum „Bund für Gotterkenntnis“ gibt, der vom Verfassungsschutz als antisemitisch eingestuft wird. Zu internen Veranstaltungen der „Ahnenstätte“ trafen sich mehrfach bekannte Rechtsextremisten aus ganz Deutschland im Seelenfelder Dorfgasthaus, darunter ein bekannter Geschichtsrevisionist aus Niedersachsen, der u.a. eine führende Funktion im rechtsextremen „Verein Gedächtnisstätte“ im thüringischen Guthmannshausen bekleidete. 2010 nahmen auch Neonazis des (inzwischen verbotenen) „Nationalen Widerstands Dortmund“ an einer Veranstaltung teil.  

Stadt Petershagen gab sich überrascht

Die Stadt Petershagen zeigte sich nach der Berichterstattung überrascht über die Vorwürfe und widersprach dem Eindruck, dass die Grabanlage eine Begräbnisstätte für Völkische sei und dass sich Petershagen zum Treffpunkt der rechten Szene entwickelt habe. Aufgeschreckt durch das Medieninteresse versprach die Stadtspitze allerdings eine Aufarbeitung.

Zumindest die problematische Entstehungsgeschichte der Ahnenstätte hätte der Stadt bekannt sein können. Die Gründung geht zurück auf die antisemitische Gruppierung der „Ludendorffer“, die die judenfeindliche Ideologie des Ex-Weltkriegsgenerals Erich Ludendorff und seiner Frau Mathilde vertraten. Erich Ludendorff hatte die Ahnenstätte in Seelenfeld als Begräbnisstätte für sich ausgesucht – was ein Einspruch Hitlers verhinderte.

Wissenschaftler bestätigen Berichterstattung

Ende 2019 bestätigten zwei von der Stadt Petershagen beauftragte Wissenschaftler die Berichterstattung – ihr Fazit „Die Ahnenstätte bleibt problematisch“ (Forschungsbericht „Die Ahnenstätte Seelenfeld in Petershagen 1929–2019“ im pdf-Format). Der Begräbnisort gehe geschichtlich klar auf völkische Bewegungen der 30er Jahre zurück. Belegt sei auch, dass es auf dem Friedhof nach wie vor Treffen rechtsextremer Akteure gebe. Bei ihren Recherchen stießen die beiden Wissenschaftler auch auf Veröffentlichungen, in denen die als rechtsextrem eingestufte Vereinigung „Artgemeinschaft“ für Bestattungen auf der Seelenfelder Ahnenstätte warb.

Dass die Stadt sich nach der Berichterstattung ahnungslos gegeben hatte, weckte Zweifel. Die Ahnenstätte war schon früher öffentlich Thema gewesen. Im politikwissenschaftlichen Standardwerk „Erinnerungsorte der extremen Rechten“, das z.B. durch die Bundeszentrale für politische Bildung vertrieben wird, wird Seelenfeld erwähnt – als Beispiel für einen germanischen Erinnerungsort, der von einem Verein betrieben wird, der „vielfältige Berührungspunkte zum rechten Rand aufweist“. Und: in den 60er Jahren ermittelte sogar die Polizei gegen den Ahnenstättenverein wegen des Verdachts eine „verfassungsfeindliche Organisation“ zu sein. 

Wie weiter? Corona verzögert Aufarbeitung

Bleibt die Frage, wie die Stadt weiter mit dem besonderen Ort umgehen will. Tourismusbroschüren sollen überarbeitet werden, am Eingang des Friedhofs sollen neue Informationstafeln angebracht werden, die sich – anders als früher – auch kritisch mit Geschichte und aktuellen Ereignissen beschäftigen. Das alles soll mit Beteiligung der Öffentlichkeit erarbeitet werden, ein Termin für eine offene Diskussionsrunde wurde bereits gesucht. Zustande kam das Treffen bisher allerdings noch nicht, die Corona-Krise sei Schuld, so die Stadt.

Update (24.02.2021)
Stadt plant Buchprojekt zur Ahnenstätte Seelenfeld

Die Stadt Petershagen hat im Ausschuss für Kultur- und Heimatpflege mitgeteilt, an einem Buchprojekt zur Geschichte der „Ahnenstätte Seelenfeld“ zu arbeiten, Partner ist der Mindener Geschichtsverein. Basieren soll das Buch auf dem Text der beiden Wissenschaftler Thomas Lange und Karsten Wilke, er soll aber noch um neue Erkenntnisse erweitert werden. 

Haben Sie Fragen, Kritik, Anregungen zu diesem Thema?
Druckversion